Hormone im Trinkwasser
Natur & Leben, ZDFinfokanal, 16.08.2009Unsere und die Gesundheit unserer Nachkommen liegt in unserer Hand. Zahlreiche Medikamente landen im Hausmüll. So werden chemische Inhaltsstoffe in die Umwelt abgegeben und gelangen teilweise ins Grundwasser. Selbst gut funktionierenden Kläranlagen gelingt es nicht, alle Stoffe zu eliminieren. Seit rund zehn Jahren erforschen Wissenschaftler weltweit verstärkt das Vorkommen und die Wirkung von Arzneimitteln in der Umwelt. Dabei wurden die Experten überall fündig, wenn auch nur in geringen Mengen. Die gefundenen Substanzen spiegeln eine ganze Reihe von Arzneimitteln wider: Schmerzmittel, Antirheumatika, verschiedene Analgetika, aber auch Röntgenkontrastmittel. Alte oder unverbrauchte Arzneimittel sollten gesammelt und bei der Apotheke Ihres Vertrauens zur fachgerechten Entsorgung abgegeben werden.
Untersuchungen belegen, dass diese Stoffe bei einigen Tierarten zu Geschlechtsveränderungen und Unfruchtbarkeit führen können. So ließen sich bei Fischen unterhalb einer Kläranlage aufgrund der Hormone Verweiblichungseffekte beobachten. Beispielsweise bilden männliche Bachforellen in ihren Hoden Eizellen aus. Ebenso wurden Krallenfrösche beobachtet, die ihre männlichen Geschlechtsteile gänzlich zurückbilden und somit fortpflanzungsunfähig sind. In vielen Flüssen und Seen beobachten die Forscher schon seit Jahren verschiedene Missbildungen bei Tieren. Dass die Hormone in der Umwelt ihre Wirkung auf die Tierwelt haben, gilt als unumstritten. Doch wie sieht die Gefahr für den Menschen aus? Sollte man von dem Glas Wasser aus der heimischen Leitung abraten und ist jeder unbeabsichtigte Schluck aus dem Badesee gleichzeitig ein Hormoncocktail? Die Experten sind sich uneins. Für viele Wasserexperten sind die nachgewiesenen Mengen im Trinkwasser eindeutig nicht Besorgnis erregend. Denn die nachgewiesenen Konzentrationen entsprechen einem Zehntausendstel einer Tagesdosis eines Medikaments. Ein Mensch müsste schon mehr als vier Millionen Liter Wasser trinken, um die Wirkstoffmenge einer Tablette zu sich zu nehmen.
Einige Experten sehen allerdings auf längere Sicht eine Gefährdung des Menschen besonders angesichts der verschiedenen Substanzen. Denn das bunte Gemisch der Arzneimittelreste kann unvorhersehbare Wechselwirkungen haben. Beispielsweise wird das Medikament Diclofenac nur bei akuten Schmerzen für relativ kurze Zeit in hoher Dosis aufgenommen. Über das Trinkwasser indes könnte jeder ständig ein bisschen Anti-Rheumatika schlucken, vielleicht schon sein Leben lang. Und wie das nach Jahren auf den Körper wirkt, kann noch keiner sagen, warnt auch das Deutsche Ärzteblatt. Mediziner befürchten, dass sich das Problem im Laufe der nächsten Jahrzehnte verschärfen wird, weil die Menschen hierzulande immer älter werden. Viele Rückstände gelangen vor allem durch die menschlichen Ausscheidungen ins Abwasser. Zu den Hauptverursachern zählen nicht etwa die Krankenhäuser, sondern zu 80 Prozent die privaten Haushalte.