Die neue Obama-Doktrin, ein Sechs-Punkte-Plan für globalen Krieg Spezialoperationen, Drohnen, Spionage, Soldaten in Zivil, „proxy fighter“ und Cyber-Kriegsführung -
Von NICK TURSE, 25. Juni 2012 -
Es sieht aus wie eine Szene aus einem Hollywood-Film: In tiefschwarzer Nacht greifen Männer in Kampfanzügen, ausgerüstet mit automatischen Waffen und Nachtsichtgeräten, nach einem dicken Seil, das von einem MH-47 Chinook-Helikopter herunterhängt. Blitzartig lassen sie sich auf das Deck eines Schiffes hinab.
Nach der Landung auf dem Achterdeck teilt sich das Spezialkommando in kleinere Gruppen auf und beginnt mit der systematischen Durchsuchung des Schiffes, das im Hafen von Jinhae in Südkorea liegt. Unterdeck und auf der Brücke richten die Kommandos ihre Waffen auf einige Männer, die sie dort aufgefunden haben – aber niemand gibt einen Schuss ab. Schließlich ist es nur eine Übung.
Bei den Militärkräften handelte es sich ausnahmslos um SEALs (eine Spezialeinheit der US Navy – die Abkürzung steht für „Sea, Air, Land“). Aber nicht alle von ihnen waren Amerikaner. Nur einige kamen von der Naval Special Warfare Group 1 aus Coronado, Kalifornien, andere hingegen von der südkoreanischen Naval Special Brigade. Die Aktion war Teil von Foal Eagle 2012, einer multinationalen Übung. Sie steht auch als Modell für den viel beachteten „Schwenk“ des US-Militärs, das seinen Einsatzschwerpunkt vom Großraum Naher Osten hin nach Asien verlagert. Dieser Schwenk, den Außenministerin Hillary Clinton im November 2011 in ihrem im Foreign Policy erschienenen Artikel „America's Pacific Century“ umrissen hat (1), beinhaltet die Verlegung von 250 Marines als Erstkontingent ins australische Darwin, die Stationierung von Küstenkampfschiffen in Singapur, den Ausbau der militärischen Beziehungen zu Vietnam (2) und Indien (3), die Durchführung von Manövern auf den Philippinen (sowie einem dortigen Drohneneinsatz) und die Verlegung des Großteils der Schiffe der US-Marine in den Pazifik bis zum Ende des Jahrzehnts.
Die Übung spiegelt aber auch einen anderen Schwenk wieder, der das Erscheinungsbild der amerikanischen Art der Kriegsführung betrifft. Vergangenheit sind Invasionen im großen Stil und großflächige Besatzungen von Gebieten des eurasischen Festlandes. Zukünftig muss man sich folgende Szenarien vorstellen: Spezialkommandos, die eigenständig vorgehen, aber auch alliierte Militärs ausbilden oder an deren Seite in den Krisenherden rund um die Welt kämpfen. Und einhergehend mit dem Einsatz der Berater für spezielle Operationen, den Ausbildern und Kommandos, werden die Anstrengungen verstärkt, die Spionagetätigkeit und Geheimdienstarbeit zu militarisieren sowie den Einsatz von unbemannten Drohnen, Cyber-Attacken und gemeinsame Operationen des Pentagon mit den zunehmend militarisierten „zivilen“ Regierungsbehörden zu forcieren.
Viele dieser Aspekte wurden bereits von den Medien aufgegriffen, aber wie sich dies alles in das einfügt, was das neue globale Antlitz des Imperiums genannt werden kann, ist der öffentlichen Aufmerksamkeit entgangen. Dabei steht diese Entwicklung für nichts weniger als eine neue Obama-Doktrin, ein Sechs-Punkte-Programm zur Kriegsführung im 21. Jahrhundert im US-amerikanischen Stil, das die Regierung nun sorgfältig entwickelt und vervollkommnet. (4)
Der globale Geltungsbereich dieser Doktrin ist ohnehin atemberaubend und ebenso wie Donald Rumsfelds „Army light“ und David Patraeus‘ Aufstandsbekämpfungsoperationen wird sie ihren Höhenflug haben – und wie ihre Vorgänger wird sie zweifellos ihre Schöpfer in einer Weise enttäuschen, die jene überraschen wird.......
http://www.hintergrund.de/201206252124/politik/welt/die-neue-obama-doktrin-ein-sechs-punkte-plan-fuer-globalen-krieg.html